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Aufstrebendes Handball- Schiedsrichterpaar: Tim (links) und Thilo Rattay gehören trotz ihres fast noch jugendlichen Alters bereits zu den Top-Referees im NHV. (Foto Sonja Möller)Es sind Sekunden, in denen Schiedsrichter Entscheidungen treffen müssen: War es ein Schrittfehler? War der Ball im Tor? Zwei-Minuten-Strafe, ja oder nein? Die Regeln sind genau, doch Zeitlupen gibt es nicht. Alles muss schnell gehen. Dazu kommen wütende Schmährufe von der Tribüne: „Ey Schiri, setz die Brille auf“ ist da ein noch eher harmloser Spruch. Trainer und Spieler tun ihr Übriges, um die Atmosphäre anzuheizen. Alle Augen ruhen auf den Männern mit der Pfeife. 60 Minuten im Dauerfeuer – warum tut jemand sich das an?

„Weil ein Spiel ohne Schiedsrichter nicht funktioniert“, sind sich Tim und Thilo Rattay sicher. Sie müssen es wissen. Die Brüder haben fast ihre erste gemeinsame Saison als Schiedsrichtergespann im Förderkader des Handballverbands Niedersachsen (HVN) beendet. Sie leiteten 35 Spiele in der Oberliga Nordsee Frauen und Jugend sowie in der Verbandsliga Nordsee Männer, investierten 170 Stunden Zeit und 5000 Kilometer An- und Abfahrt – von der Nordsee bis zur holländischen Grenze. Die Westerkappelner gehörten dabei zu den beiden besten Gespannen des Förderkaders und sind damit in den Leistungskader des HVN und in den Perspektivkader des Norddeutschen Handball-Verbandes (NHV) aufgestiegen. Thilo und Tim Rattay dürfen in der kommenden Saison Spiele der Oberliga Männer sowie der Regionalliga Jugend und Frauen pfeifen.

Ihre ersten Schritte als Schiedsrichter machten sie im THC: „Wenn du als Jugendlicher Handball spielst, aber die Schiris wesentlich älter sind, dann fragst du dich schon, warum keine jungen Leute pfeifen.“ Für Tim Rattay Grund genug, sich selbst einmal als Spielleiter zu versuchen. Erste Pfeiferfahrungen in der D-, E- und F-Jugend machten dem damals 16-Jährigen so viel Spaß, dass er den Grundlehrgang zum Schiedsrichter absolvierte. Thilo Rattay startete zwei Jahre später. „Unser ehemaliger Schiedsrichterwart Reinhard Michel hat uns jeden Abend zum Kursus gefahren und uns die ganze Zeit unterstützt“, weiß der heute 18-Jährige Schüler. Was auf Kreisebene mit Jugend- und Damenspielen begann, fand im vergangenen Juni seinen vorläufigen Höhepunkt: Tim qualifizierte sich nach guten Urteilen der neutralen Beobachter für den Aufstieg in den HVN. Als neuen Gespannspartner wählte der 22-Jährige seinen Bruder Thilo. „Wir wollten immer schon zusammen pfeifen“, sagt Tim. Die beiden nahmen an einem viertägigen Lehrgang des Verbandes auf Norderney teil. Als Beste des Seminars schlossen die Rattay-Brüder den Regeltest ab, bei dem sie 20 der insgesamt 327 Fragen der Internationalen Handball Föderation beantworten mussten. Beim Lauftest absolvierten sie die 2400 Meter deutlich unter den geforderten zwölf Minuten. „Damit wussten wir, dass wir nun Ober- und Verbandsliga pfeifen dürfen, aber nicht, was auf uns zukommt“, erinnert sich Thilo Rattay. Die beiden hatten vorher noch nie auf dieser Ebene zusammen gepfiffen. „Wir waren noch nicht eingespielt. Der regelmäßige Augenkontakt und die genauere Absprache fehlten“, sagt Tim. „Wir kannten zwar die Regeln, doch das war die Basis.“
Die Nachwuchs-Schiedsrichter wurden langsam an ihre neuen Aufgaben herangeführt, leiteten in der ersten Saisonhälfte viele Jugend- und Damenspiele. „Die sind noch nicht so schwierig“, weiß Tim. Mittlerweile sind die beiden ein eingespieltes Team. Ein Blick reicht häufig aus. „Man merkt, dass wir Geschwister sind.“

Die Begeisterung für ihrer Aufgaben als Schiedsrichter wächst und wächst: „Am Anfang war es toll, die Regeln zu kennen und Verantwortung für ein gelungenes Spiel ohne Verletzungen oder Benachteiligungen zu übernehmen“, blickt Thilo noch einmal zurück. Mittlerweile ist es ein körperlich und geistig anstrengender Leistungssport geworden, der auf spieltechnisch hohem Niveau stattfindet. „Du musst dich 60 Minuten voll konzentrieren“, betont Tim. „Kommentare der Zuschauer blenden wir einfach aus.“ Dennoch wissen beide: „Ohne konstruktive Kritik geht es nicht.“ Die kommt nach Spielschluss von den Trainern. „Die haben denselben analytischen Blick wie wir.“ Zusätzlich hat Andreas Völkerding vom HVN das Westerkappelner Gespann durch die Saison begleitet und ihm viele Tipps gegeben.

Dankbar sind beide besonders ihren Sponsoren, ohne die ihre Tätigkeit als Schiedsrichter nicht möglich wäre: „Trainingsanzug, Sporttaschen, Trikots in fünf Farben, da kommt einiges zusammen“, zählt Tim die benötigten Utensilien auf. Das gilt auch für den Einsatz der Eltern: „Sie stellen uns immer ihr Auto zur Verfügung.“

Bevor Tim und Thilo Rattay ihr erstes Oberliga-Männer-Spiel pfeifen dürfen, stehen noch zwei Lehrgänge für den HVN im Juni und für den NHV im August an. Dann sind sie einen großen Schritt weiter in Richtung Bundesliga gegangen. Denn wohin es gehen soll, ist klar: „Wer so hoch pfeift, der will nach ganz oben.“

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