Imposant, der Startkorridor beim Ötztaler RadmarathonDer THC hat mit Anne Hagemann, Werner Hasenpatt und Thomas (Tom) Heiber drei echte Langstreckenspezialisten. Alle drei haben in diesem Jahr schon die Brevetserie für das Rennen „Paris – Brest – Paris“ (PBP - 1.200 KM, rd. 10.000 HM) absolviert und dabei Touren von 200, 300, 400 und 600 Kilometer zurückgelegt.
Da keine weiteren Langstreckentouren mehr anstanden, hat sich Tom noch um einen Startplatz beim „Ötztaler Radmarathon“ bemüht. Mit Erfolg, und somit konnte er das Abenteuer auch noch angehen.
Was ist besser und authentischer als der Bericht des Protagonisten?
 
Ein Satz soll dem Bericht vorangestellt werden, den er zum Schluss bringt, aber der vieles über den Tag aussagt:
„Der Sieger des Rennens war 5h29min vor mir im Ziel. Glückwunsch zu dieser wahnsinnigen körperlichen Leistung, auch wenn er sicherlich nicht halb so viel erlebt hat wie ich!“

„Lange Strecken zu fahren fällt mir nicht schwer. Das habe ich unter anderem in 2013 mit „London – Edinburgh – London“ (LEL – 1.417 KM; rd. 10.000 HM) unter Beweis gestellt.
Devise: Aufsteigen aufs Rad, Puls im GA1 halten und einfach fahren bis das Ziel erreicht ist. Es ist einfach und tut nur selten weh!
Aber wie weit komme ich mit dieser Fähigkeit in den Alpen?
Einfache Antwort: Das nützt gar nix, GA1 ist beim Ötzi nicht gefragt, da geht's nur rauf oder runter. Locker die Kurbel treten ist Fehlanzeige!
Also Anfang Juli ab zum Institut für Prävention und Sportmedizin (IPS) nach Bad Rothenfelde zur Leistungsdiagnostik (LD). Die aktuelle Leistungsfähigkeit mit der Sportwissenschaftlerin Stephanie Mommertz, vielen THClern bekannt, besprochen und den Trainingsplan entgegengenommen.
Da waren sie wieder, die Worte die mich so sehr mit Abneigung erfüllen: hochintensives Intervalltraining, K3-Einheiten, GA2/EB-Training, Gewichtsreduktion usw..  Der Verstand sagt "ja" dazu, Spaß beim Radfahren ist aber etwas anderes. Zwei Einheiten pro Woche K3, dann noch längere Einheiten im GA2 und nur ganz gelegentlich mal "schöne GA1- Ausfahrten", das sollte also mein Sommer sein. Gesagt getan und fleißig rauf und runter; ich glaube kein anderer THCler ist dieses Jahr so oft nach Tecklenburg rauf; 6 mal, 8 mal, 10 mal (in einer Einheit!), spaßbefreit aber durchaus zielführend. Tests bei RTFs mit hoher Intensität zeigen, dass das was bringt. Unser Trainer Friedel, mit dem ich die Sache auch besprochen habe, hatte mit seinen Aussagen zur Vorbereitung doch Recht!
Bis Ende Juli klappt alles halbwegs nach Plan, doch dann in den letzten vier Wochen ist an Training nach Plan gar nicht mehr zu denken, das normale Leben fordert seinen Tribut und ich komme nur noch sporadisch am Wochenende auf's Rad. Die Folge ist, dass ich Ende August mit Jahreshöchstgewicht vor der Frage stehe, ob das alles bei vorhergesagten schlechtem Wetter überhaupt Sinn macht.
Die Illusion, dass die Alpenpässe zwar lang, aber bestimmt nicht so steil sind und die Tatsache, dass alles schon gebucht und bezahlt ist bringen mich dann auf die Reise nach Sölden.
Angekommen in Sölden werde ich dieser Argumente schnell beraubt; ein "lockeres Einradeln" und eine darauf folgende Autotour auf das Timmelsjoch und den Jauffenpass berauben mich der Illusion der langen, aber moderaten Anstiege; wie soll ich da mit Trainingsrückstand und Übergewicht jemals raufkommen und noch viel schlimmer: "wie soll ich Flachlandtiroler diese Abfahrten überleben???“
Na, dann bleibt ja noch das Wetter, das Freitag und Samstag gar nicht so schlimm ist; leider auch hier Fehlanzeige: das Beste, was die Wetterfee bei der Fahrerbesprechung sagt ist: "ihr startet noch trocken und mit etwas Glück beginnt der Schneefall am Timmelsjoch erst wenn ihr alle durch seid." Worte wie Kaltfront aus Nord und Dauerregen fallen andauernd in ihrem Vortrag.
Noch alles im grünen Bereich, die Abfahrt nach ÖtzAlso lieber als "Kneifer" weiterleben anstatt als "armer Irrer" auf der Strecke verrecken? Nach einer kurzen und unruhigen Nacht entscheide ich, wenigstens zu starten und dann bei schlechter werdendem Wetter in einen der Besenbusse zu steigen. "Das ist vernünftig" rede ich mir ein, nur kein falscher Stolz.
Gesagt, getan: um 6:15 Uhr reihe ich mich etwa 1.000 m vom Start entfernt in die wartende Meute von 4.106 Radlern ein und erwarte aufgeregt den Startschuss. Ich bin noch nie in solch einem Pulk gestartet. Schon zwei Minuten nach dem offiziellen Start um 6:45 bewegen sich die Räder vor mir und es geht los.
Nur geil, die ersten Kilometer fühlen sich an wie eine Ehrenrunde nach gewonnener WM, überall am Straßenrand stehen Fans, die uns alle feiern und anfeuern, mir läuft ein Schauer nach dem anderen den Rücken herunter. Also hat es sich doch gelohnt so früh aufzustehen und zu starten, ist schon jetzt mein Fazit.
Ich fahre einfach, bis es nicht mehr geht und schiebe es dann auf das Wetter, so mein Plan.
Angekommen in Ötz mit einem Schnitt von über 40km/h für die ersten 30 Kilometer beginnt das genaue Gegenteil. Die Straße zum Kühtai ist nur halb so breit und beginnt mit lockeren 14% -16% Anstieg. Die Fahrer sind 5x so langsam und ich bekomme trotz Freiluftsport Platzangst. Jeder hat eine andere Übersetzung, fährt einen anderen Rhythmus, alle fahren 6-8 km/h und das alles "Schulter an Schulter". Wenn hier jetzt einer fällt oder zwei Fahrer kollidieren, dann erhält der Begriff "Domino-Day" eine ganz neue Dimension. Getrieben von der Angst komme ich mit dem schleichenden Feld der "survivor" oben am Kühtai an und es ist noch immer trocken. Also greift die Strategie noch nicht, meinen Ausstieg mit dem Wetter zu begründen. Folglich stürze ich mich todesmutig und bei beginnendem Nieselregen die Abfahrt mit quietschenden Bremsen hinunter.
Nieselregen macht die Sache nicht angenehmer!Der Nieselregen wird immer stärker und meine Angst nimmt entsprechend zu. Was nützt es, die nächste Haltestelle des Besenbusses ist auf dem Brenner, dann muss ich da wohl hin. Gedacht-getan, fahre ich weiter und genieße ein "flaches Stück“ im Tal; da werden Erinnerungen an meine geliebten Ausfahrten zuhause wach. Der Anstieg zum Brenner ist sehr moderat und zu meinem Entsetzen hört der Regen auf. Oben auf dem Brenner bin ich weder völlig entkräftet, noch bietet das Wetter eine Chance auszusteigen und sogar das zuvor gefürchtete Zeitlimit hat seinen Schrecken verloren, bin ich doch wider Erwarten mehr als eine Stunde vor der Schlusszeit hier oben. Wie soll ich mir jetzt selbst erklären, dass ich hier aussteige? Mir fällt beim besten Willen nichts ein, also kurz essen und dann hinunter auf trockener Straße nach Sterzing. Jetzt kommt sogar kurz die Sonne raus und ich bin verzweifelt: meine ganze Renntaktik ist über den Haufen geworfen.
Widerwillig beginne ich den Anstieg zum Jauffenpass, denn dort oben ist wieder eine Besenbus-Haltestelle. Im Anstieg merke ich, dass ich langsam aber stetig und ohne große Probleme hier wieder 10% klettern kann; es beginnt sogar Spaß zu machen im Schneckentempo an noch viel erschöpfteren Sportkameraden vorbei zu "rasen". Das ist doch noch ein schönes Erlebnis, bevor ich dann "vernünftigerweise" oben aussteige. Bei blauem Himmel erreiche ich stolz den Gipfel, noch immer eine Stunde vor der Schlusszeit.
Der Anstieg zum „Jauffen“ macht bei gutem Wetter sogar SpaßDa war es wieder, mein Problem mit der "Exit-Strategie", keine totale Erschöpfung, kein gefährlicher Dauerregen und auch keine drängende Zeitnot. Guter Rat war teuer und so musste ich, um meinen Stolz nicht zu verletzen, wohl oder übel die Abfahrt (gewohnt langsam) antreten. Bei fast schon sommerlichen 19° komme ich in St. Leonard im Passeiertal an und habe mittlerweile fast 180 Kilometer hinter mir. Jetzt liegt nur noch (!!!) das Timmelsjoch mit 1.800 Höhenmetern zwischen mir und Sölden und oben warten schließlich ja auch Besenbusse auf mich.
Die Kehren in den Anstiegen dienen der kurzen ErholungMit der Randonneur-Erfahrung, dass jeder noch so lange Weg irgendwann endet, gehe ich gedanklich völlig entspannt den "Schlussanstieg" an. Glücklicherweise beginnt es jetzt auch konstant zu regnen, dass kühlt einerseits den müden Körper und andererseits erlaubt es mir doch noch den Besenbus zu besteigen; jawohl jetzt wird es doch noch ein guter Tag.
Langsam und ohne Zeitnot (hier hat der Veranstalter sehr moderate Durchgangszeiten berechnet) schraube ich mich drei Stunden lang bergauf. Alter, hier spielen sich die wahren Dramen ab und ich mittendrin. Wiegetritt bei 39:32 Übersetzung, Serpentinen fahren auf der Straße und schieben bei Puls am Anschlag. Hier am Ende des Feldes fahren die wahren Helden, denn all das bringt hier keinen zum Aufgeben. "Schmerz vergeht, der Stolz bleibt" ist hier das unausgesprochene Motto des Tages. Ich genehmige mir alle 200 Höhenmeter eine kurze Trinkpause, denn bei 7 km/h und Puls 160 bekomme ich das auf dem Rad nicht hin; vielleicht ja ein Hinweis, den unsere Trainer mal in eine Lektion umsetzen sollten! J
So komme ich erstaunlich gut hinauf und habe nun bei strömendem Regen, Nebel, Nordwind und 6° nun ein anderes Problem. Guten Gewissens könnte ich jetzt in den Besenbus steigen, denn die Sicherheit geht schließlich vor. Aber verdammt nochmal, jetzt bin ich schon so weit und eigentlich gibt es nur noch eine Abfahrt bis ins Ziel. Hier breche ich nun endgültig meine Renntaktik und beschließe, "das Ding" nun auch in Rennfahrermanier zu beenden.
Ich brauche mehr als 5 Minuten, um mit kalten Fingern die letzte zusätzliche Weste anzuziehen. Das hätte ich mir bestimmt auch sparen können, denn es ist so rattenkalt und so nass; naja ich hab sie halt für's gute Gewissen getragen. Ein letzter prüfender Blick auf die Bremsbeläge sagt ja und mit maximaler Handkraft und minimaler Sicht versuche ich, die Geschwindigkeit auf max. 35 km/h zu begrenzen.  Reihenweise donnern gischtstäubend tollkühne Radler an mir vorbei und erstaunlicherweise sehe ich keinen von ihnen später am Straßenrand liegen. Die können das wohl besser als ich. Egal, kurzfristig versucht noch eine auf der Straße stehende Kuh die langsamste Abfahrt vom Timmelsjoch in der Geschichte des Ötzi zu verhindern, aber mit Glück bewegt sie sich doch in die richtige Richtung und ich komme ohne Kollision an ihr vorbei. Ich zähle bibbernd die Kehren und Höhenmeter hinunter und hab schließlich Sölden im Tal vor Augen.
Geschafft, ein gezeichneter aber glücklicher Tom Heiber als „Ötzi-Finisher“Es schaudert mich. Das, was heute Morgen um 6:45 Uhr völlig unmöglich war ist eingetreten. Scheiß was auf Eiseskälte, Regen und müde Muskeln!
Es ist so geil, diesen letzten Kilometer ins Ziel zu fahren. Als 3.408 der Gesamtwertung fahre ich nach 12:34.55 Std. über den Zielstrich, aber ich fühle mich wie ein Sieger. Ich habe gewonnen gegen meine Zweifel, ich wäre beinahe nicht einmal angetreten "weil es vernünftig ist" und nun stehe ich unterkühlt, mit einer Decke um die Schultern und mit einer Träne des Stolzes im strömenden Regen im Ziel und sehe jede Minute weitere Gewinner ins Tal kommen.
Mehr als 100 Teilnehmer sind gar nicht erst gestartet, ca. 600 Teilnehmer mussten unterwegs aufgeben. Kurz nachdem der letzte "Sieger" im Ziel, eskortiert von Rennleitung und Ambulanz, ankommt beginnt übrigens der Schneefall auf dem Timmelsjoch.
Randbemerkung:
Der Sieger des Rennens war 5h29min vor mir im Ziel. Glückwunsch zu dieser wahnsinnigen körperlichen Leistung, auch wenn er sicherlich nicht halb so viel erlebt hat wie ich.

Fazit:
Jetzt, ein paar Tage später weiß ich, dass meine Strategie "ich fahre, bis der Regen kommt und steige dann aus" der Schlüssel zum Erfolg war. Ohne den Druck "aufgeben ist wie versagen" konnte ich ein Teilstück des Ötzi nach dem anderen fahren und plötzlich war es schon zu Ende. Wie bei einem echten Randonneur!
Es war körperlich und auch mental hart. Aber es war ein echter Jahreshöhepunkt und ich bin froh, es getan zu haben..
Fragt mich bitte nicht, ob 1.417 Kilometer London-Edinburgh-London oder 232 Kilometer Ötzi härter sind, es sind zwei völlig verschiedene Sportarten und beide haben ihren Reiz. Jetzt noch zum Abschluss den „Weserbergland-Marathon“ in Lauenau, vielleicht in diesem Jahr mit neuer Strategie und nicht nur im GA1-Rhythmus (!!) und dann geht's in die Wintervorbereitung. PBP 2015 heißt das neue Zauberwart, das mich ab jetzt antreiben wird. Nach dem Ziel ist vor dem Ziel! J“

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